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Auf der Shenkin Street

Jahr: 2007
Kontext: Teilnahme am Schreibwettbewerb „Home Run“
Aufgaben: Text 2. Platz im Schreibwettbewerb „Home Run“


ID: Israel ist ein super heterogenes, vielfältiges und merkwürdiges Land. Es ist schwer alle Eindrücke zu beschreiben. Aber für einen Schreibwettbewerb sollte ich meine Eindrücke von Israel zu beschreiben.

Konzept: Man muss ja nicht ganz Israel beschreiben. Es reicht die super heterogene, vielfältige und merkwürdige Shenkin Street zu beschreiben. In dieser Straße habe ich sechs Monate gewohnt.

Design:
Der Text beschreibt in vielen kleinen Szenen die Menschen und das Geschehen der Shenkin Street. Es finden sich geschminkte Transvestiten neben ultraorthodoxen Juden wieder und mein Freund, Sexshopflyerverteiler gibt immer wieder seinen Kommentar ab.
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Auf der Shenkin Street nachts um halb eins

Ich weiß nicht, wer Menechim Shenkin war, aber nach ihm wurde die Straße benannt, in der ich sechs Monate wohnte. Und es ist die beste Straße, in der ich jemals gelebt habe. Ein paar Leute und einige Reiseführer über Israel sind sogar der Meinung, dass die Shenkin-Street in Tel Aviv die angesagteste Straße im gesamten Nahen Osten ist. Hier habe ich also nach einiger Suche eine WG gefunden. Zusammen mit einem Musiker und einer übel gelaunten Stripperin, würde ich die vier Zimmer eines Bauhaushauses bewohnen.

Ein Jahr zuvor in Deutschland

Immer wieder kommt es zu Debatten über mein Semester in Israel. In den deutschen Nachrichten wird nicht über die Menschen berichtet, die sicher mit einem Bus an ihr Ziel ankommen. Dieser Umstand, gekoppelt mit Beiträgen über Bomben und Raketenangriffen, führt zu einer gewissen Sorge seitens meiner Eltern. Gerade vor den Busfahrten wurde ich in einer Intensität gewarnt, mit der man mich früher nur vor dem Mitschnacker gewarnt hat.

Mein Schulweg
Das College, an dem ich Design studiere, liegt in Holon. Das ist eine kleinere Stadt nicht weit von Tel Aviv. Doch die einzige Möglichkeit, Holon zu erreichen, ist mit dem Bus. Um zur Haltestelle zu kommen, muss ich durch die gesamte Shenkin-Street. Am frühen Morgen ist die Straße noch ruhig. Die Modeboutiquen haben noch geschlossen, und die Szenecafés schließen gerade. Zunächst biege ich rechts ab, vorbei an meinen Pizzaladen, vorbei an Mc Donald’s, und vorbei an dem kleinen Park, in dem sich freitags häufiger Artisten treffen. Das Gute ist, das ein recht guter Bäcker auf hat und mich mit dem ersten Frühstück versorgt. Im Supermarkt, der immer auf hat kann ich dann noch ein paar Bananen kaufen, so dass der Kalziumhaushalt für diesen Tag auch gesichert ist. Nach etwa einem Kilometer mündet die Straße in die Alanby Road. Hier fährt der Bus ab. Und meine Mutter hatte Recht: Busse sind gefährlich. Nicht aber wegen der Bomben, sondern wegen der Fahrer, die einen Fahrstil haben, den man in Deutschland mitunter zynisch oder gar terroristisch nennen würde. Nur so kann ich mir das Gedränge am Eingang erklären. Jeder will möglichst schnell in den Bus, denn unter normalen Umständen ist das der sicherste Ort, an dem man sich im Berufsverkehr aufhalten kann. Bemerkenswert sind vor allem die älteren Zeitgenossen, die eben noch ächzend auf der Bank saßen, und die in dem Augenblick, in dem der Bus ankommt, nach vorne drängen und dabei auch erfolgreich durchaus trainierte junge Männer zur Seite schieben.

Einige Stunden später ...
... sitzt man wieder im Bus. Es ist Abend, es geht zurück. Wieder angekommen, muss man nur wieder die Shenkin hoch. Inzwischen hat sich etwas geändert: Es ist voller geworden. Viele Menschen gehen einkaufen, da sie noch Geschenke für Hanukkah brauchen. Und diese Straße ist dafür gut geeignet. Neben den üblichen Modelabels haben auch viele unbekannte israelische Designer ihre Läden hier. Dazu kommen Cafés, die jetzt auch wieder auf haben, sowie diverse Schallplatten- und Seifenläden. „Hey Jan! What’s up? How is hangin?” Das ist Ital. Ital steht hier eins-, zwei mal in der Woche und verteilt Werbezettel für einen Sexshop.

Ital
Irgendwann hat er mich mal angesprochen. Er hat gehört, wie ich mit jemanden deutsch gesprochen habe, und hat mir dann irgendetwas in gebrochenem Deutsch erzählt. Von dem Augenblick an erzählt er mir immer irgendetwas, wenn er mich sieht. Dabei drehen sich die Themen vor allem um überteuerte türkische Flughäfen, diverser Verschwörungstheorien, besonders blutige Feiertage, esoterische Praktiken und asiatischen Kampfsportarten. Dabei ist er eher klein gewachsen und hat einen etwas zu großen Ring durch die Nase gezogen. Seine recht schnelle und hohe Stimme lässt ihn selbst wie eine Comicfigur erscheinen. Aber wir verstehen uns gut. Manchmal treffen wir uns abends, trinken einen Jägermeister oder rauchen einen Joint, und Ital erklärt mir, welche Person in der Weltgeschichte unerkannterweise Jude war.
„Shakespeare was not a Jew
but the guy who wrote all the stories was a jew. “
“Sure?”
“Sure! And Hitler was also jewish.”
“Oh no, come on. You can have Shakespaere but Hitler is definetely oures.” Letztlich streiten wir immer noch darüber, wer den Anspruch auf Hitler hat. Dennoch habe ich auch eine Menge von Ital mitbekommen. So hat er mir die Geschichte vom Café Tamar erzählt.

Café Tamar
Keine 20 Meter von meinem Haus entfernt befindet sich schon seit über 30 Jahren das Café Tamar. Von außen sieht es eher schäbig aus. In den Fenstern hängen eine Menge Bilder und Poster, die eine eher ablehnende Haltung gegenüber Benjamin Netanjahu deutlich machen. Wenn mal wieder Wahlen sind, (Was in Israel recht häufig vorkommt) machen sich die Aktivisten der rechten Parteien wiederum einen Spaß draus, ihre Plakate direkt vor dem Cafe auszuhängen. Vor der Tür auf der Straße sitzen an Campingtischen meist ältere Leute, die nicht von ihren langen Haaren lassen wollen, und diskutieren. Drinnen wird auch diskutiert, wenn nicht gerade Schach gespielt wird. Ab und an, wenn man an dem Cafe vorüber geht, zieht einem der süße Geruch eines Joints in die Nase. Kurz, das Tamar ist das traditionelle Cafe der Linken überhaupt und eine Institution in Israel. Hier haben sich schon vor Jahren Künstler, Philosophen und Politiker getroffen. Dabei werden die Debatten über die Fußballvereine in Tel Aviv fast noch emotionaler geführt als die, über den Konflikt mit den Palästinensern. Hier gehe ich gerne vorbei. Vor allem zu der Zeit um Purim, dem jüdischen Karneval, herum. Denn in diesem Zeitraum gilt es, sich zu verkleiden. Besonders beliebt sind Verkleidungen, die etwas darstellen, was der Träger in seinem normalen Leben vor allem nicht ist. So sieht man im Café Tamar auf einmal viele Juden sitzen, die einen großen Hut aufhaben, unter dem Schläfenlocken aus Wolle herausragen. Im restlichen Tel Aviv laufen dann diverse Variationen von Osama Bin Laden herum, und die echten orthodoxen Juden verkleiden sich meist als Frauen –mit einem etwas zu langen Damenbart.

Ein paar Wochen zuvor

Es ist wieder weit vor Purim, und dennoch begegnet man hin und wieder Männern, die als Frauen herumlaufen. Auch wenn man von Köln her schon einiges gewohnt ist, fallen die vielen Transvestiten, die durch meine Nachbarschaft laufen, auf. Immer wieder begegnet man Frauen, die etwas zu schrill und etwas zu nuttig aussehen. Es erinnert so sehr an die Reeperbahn, dass man kaum vermuten würde, dass man sich gerade im Heiligen Land befindet. Erst wenn man ganz nahe bei ihnen ist, sieht man etwas Bart durch das Make-up schimmern. Doch man gewöhnt sich daran. Denn schnell wird klar, dass es hier eine recht große Schwulenszene gibt. Ein weiteres Indiz dafür, sind die Flyer, die jede Woche aufs Neue an den Büdchen meiner Straße zu finden sind. Werbezettel, die ich in einer solch dekadenter Form noch nie gesehen habe. Viele Motive gehen haarscharf an Pornografie vorbei: Männer, die sich nackt auf einen Klo gegenseitig anfassen; Männer, die als kleine, verprügelte Mädchen verkleidet sind, oder nackte Männer, die man mit Frauenklamotten wie eine Anziehpuppe einkleiden kann. Der Kreativität werden keine Grenzen gesetzt und jeder Graphiker kann sich an den Flyern austoben, wie er will. Das Budget scheint dem des Militärhaushalts sehr nahe zu sein. Anders kann man gestanzte, über A4 große und gefalzte Flyer in Hochglanz nicht verstehen. Jeden Donnerstag hat die Werbezettelschwemme ihren Höhepunkt erreicht, denn am Freitag muss alles vor Ort sein. Denn am Freitag ist in der Shenkin Street die Hölle los.
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Freitag in der Shenkin-Street
In Israel ist der Sonntag Montag, weil der Samstag dort Sonntag ist. Und am Freitag, vor dem Shabat, beginnt dort das Wochenende. Dann fährt jeder in die große Stadt, um sich zu zeigen und um sich die Klamotten zu kaufen, in denen man am nächsten Freitag noch besser aussehen will. Für diesen Zweck ist die Shenkin-Street ein gutes Ziel. Hier findet man alles auf einem Fleck. Die Modeläden und die Cafés locken Menschen aus dem ganzen Land an, die sich vergnügen wollen und mit all den Menschen kommen die Leute, die ein großes Publikum brauchen: Jongleure, Hippiehalskettenverkäufer, Pflastermaler, Weltuntergangsprediger, jüdische Missionare, christliche Missionare, veganische Missionare und Ital, der Flyer für den Sexshop verteilen muss. So wird die Straße zu einem bunten Basar der verschiedensten Lebensweisen. Wenn ich vom Markt komme, kann das in etwa so aussehen: Zunächst passiere ich die Nachmann-Juden. Das ist eine Gruppe streng gläubiger Juden, die dem Rabbi Nachmann folgen, der in der Tradition der Kabbalah die Meinung vertrat, man solle schon auf der Erde möglichst fröhlich sein, um so dem Himmel nahe zu sein. So sind die Anhänger dieser Strömung auch stets fröhlich und versuchen, durch Trommeln, Hüpfen, Singen und Tanzen möglichst viele Passanten mit ihrer Fröhlichkeit anzustecken. Später werden sie noch mit einem bunten Bus durch die Straßen fahren, mit voller Lautstärke Technomusik hören und dazu predigen. Diese Gruppe steht in einer direkten Konkurrenz zu den herkömmlichen, orthodoxen Juden, die etwas weiter stehen. Sie sind in ihrer schwarzen Kluft an einem Tisch und verteilen Gebetsriemen. Ihr Ziel besteht darin, insgesamt etwas mehr Frömmigkeit unter das Volk zu bringen. Geht man etwas weiter Richtung Park, kommt man an den Hundeverkäufern vorbei. Sie stehen mit großen Kisten am Wegesrand und verkaufen Welpen. Dieser Teil der Straße ist am Freitag das Highlight für viele. So sind dort schöne Frauen und Familien mit den kleinen Purzelhunden im Arm und überschlagen sich mit den „Ahh“, „Ohh“ und „Wie niedlich“. Nun müssen wir schneller gehen, denn jetzt kommen die Veganer und sie dürfen nicht sehen, dass ich ein Schnitzel in der Einkaufstasche habe. Jeden Freitag stehen sie hier und versuchen, die Welt ein wenig tierfreundlicher zu machen. Ein hehres Anliegen, das jedoch mit solch einem Eifer hervorgebracht wird, dass man nicht mit ihnen reden will. So geht es zum Kiosk dort kann man noch ein Bier kaufen. Leider habe ich dem Verkäufer gegenüber ein schlechtes Gewissen.

Der Kioskverkäufer
Neben dem Café Tamar gibt es einen Kiosk. Hier kaufe ich regelmäßig Bier. Im Winter kann es auch in Israel kalt werden. Darum habe ich auch meinen Werder-Bremen-Schal mitgenommen. Nun gab es einen Tag, an dem es kalt war, Werder Bremen recht erfolgreich spielte, und ich ein Bier kaufen wollte. Der Verkäufer reagierte sehr positiv auf den Schal. Sein Verein sei zwar Maccabi Tel Aviv, aber die spielten im Moment scheiße, und von den deutschen Vereinen sei Werder der beste. Denn Bayern und Dortmund seien auch scheiße. Ein guter Junge, da habe ich mir gleich ein Bier mehr gekauft.

Eine Woche später
Ich habe wieder ein Bier gebraucht und bin wieder zum Kiosk gegangen. Aber irgendwie sah der Verkäufer an diesem Tag besonders erwartungsfroh aus. Man merkte, er wollte etwas und er platzte damit sofort heraus. Er gebe regelmäßig Fußballwetten ab und da er sich an mich erinnert habe, habe er an diesem Wochenende 100 Shekel auf Werder Bremen getippt. Gegen Kaiserslautern ist das ein guter Tipp. Das habe ich ihm auch gesagt.

Ein Tag später
Werder Bremen musste die erste Heimniederlage seit langer Zeit einstecken. Und das gegen Kaiserslautern.
Eine Woche später
Bin immer noch nicht im Kiosk gewesen. Ich schäme mich.
Ein Tag später
Treffe den Verkäufer auf der Straße und sage ihm, dass mir die Niederlage etwas peinlich ist. Er vergibt mir und sagt mir, dass ich Glück habe. Immerhin hätte Werden nur einmal Verloren aber Maccabi habe schon wieder verloren - und das gegen die Penner von Hapo’el Tel Aviv. Im Café Tamar sind die meisten Besucher froh. Hapo’el Tel Aviv, der Fußballverein, der aus einer Gewerkschaft hervorgegangen ist, hat gegen den Verein der Reichen, Maccabi Tel Aviv, gewonnen. Es riecht wieder nach Gras und es würde ein guter Shabat werden.

Shabat
Der Shabat beginnt schon am Freitag, sobald die Sonne untergegangen ist. Plötzlich sind die Straßen leer. Fast alle treffen sich, um den heiligen Ruhetag mit einem ausgiebigen Mahl zu beginnen. Erst später gehen die Freunde der Nacht wieder hinaus um bis in den Morgen durchfeiern. Dann erst gehen sich schlafen. Darum gehört der Morgen alleine den Familien. Von meinem Balkon aus kann man vor allem ultraorthodoxe Familien, die ebenfalls in meiner Nachbarschaft leben, gut beobachten. Natürlich sieht man sie auch sonst – denn die Straßen rund um die Shenkin Street gelten als orthodoxe Hochburg von Tel Aviv –, aber in dem bunten Gewusel fallen sie nicht so sehr auf. Erst jetzt, wenn alles leer ist, kommen sie zur Geltung. Dann ist die ganze Mischpoke unterwegs. Da geht das Großväterle in der Mitte, gebeugt, mit einem langen weißen Bart, Schläfenlocken und einen Pelzhut. Das sind 1,60 Meter geballte Autorität. Um ihn herum: Die Folgegeneration, ebenfalls komplett in schwarz mit Bart und Locken. Ganz außen toben die Kinderle mit einem weißem Hemd und einer samtenen Kippa auf dem Kopf. Dahinter gehen die Frauen mit einem Kopftuch und einem langen Rock. Sie schieben Kinderwagen vor sich her, in denen noch mehr Kinder liegen. Hört man genau hin, kann man das eine oder andere Wort verstehen. Viele Ultraorthodoxe Juden sprechen Jiddisch, das mit dem Deutschen eng verwandt ist. Mit einem von ihnen habe ich zu Sukkot gesprochen.

Das Laubhüttenfest …
… oder Sukkot ist ein fröhliches Fest, und für israelische Baumarktbesitzer ist es ein noch fröhlicheres Fest. Denn es ist Tradition, auf der Terrasse eine Hütte oder irgendetwas Hüttenähnliches zu bauen, um darin eine Woche lang abendzuessen. So wird erst fröhlich gehämmert, um dann noch fröhlicher zu schlemmen, und am Ende ganz fröhlich zu singen. Während dessen in meiner Wohnung: Fernsehen ist angesagt, denn ich habe erfahren, dass man auch RTL empfangen kann. Doch von draußen hört man immer wieder Musik und Gesang. Zunächst war ich noch von den Prominentennachrichten aus Deutschland zu sehr beeindruckt, später aber siegt meine Neugier. TV aus und rauf auf die Straße. Nicht weit entfernt ist dann auch schon die erste Seitenstraße abgesperrt, und in der Mitte hat man eine kleine Bühne aufgebaut. Zusätzlich ist der Gehweg noch mit einen Sichtschutz abgetrennt. Auf der Bühne steht dann eine Rabbiband, die die Straße rockt. Der Sänger schmettert einen frommen Hit nacheinander, während die Männer, Arm in Arm, im Kreis tanzen. Die Frauen haben die Ehre, zuzuschauen. Deswegen ist der Sichtschutz so niedrig, dass man gut darüber schauen kann. So stehe ich davor und werde prompt von einem alten Mann angesprochen. Als er hört, dass ich Deutscher bin, spricht er nahtlos in deutsch, mit einem jiddisch-schweizerischen Dialekt, weiter. So lerne ich die Bedeutung von Sukkot kennen. Später hat mein Mitbewohner noch erzählt, dass orthodoxe Hochzeiten die seien, wo es am lustigsten zugehe. „Die sind zwar alle meschugge, aber beim Feiern kann ihnen keiner etwas vormachen.“

Mein Mitbewohner …
… heißt Mati und er arbeitet in einem Plattenladen, aber eigentlich ist er Musiker. Gleich als ich mich in der WG vorgestellt habe, haben wir uns gut verstanden. Mit der Zeit habe ich ihm beigebracht, wie man Dübel in die Wand bohrt, und er hat mich zu Hanukkah mit zu seiner Familie genommen. Auch in unser gemeinsamen Ablehnung gegenüber unser Mitbewohnerin, die uns immer zu erkennen gegeben hat, dass sie keine Menschen – und uns erst recht nicht – mag, waren wir uns einig. So haben wir viele Abende gemeinsam verbracht, den Hund (quasi der vierte Mitbewohner) ausgeführt und eine Menge Bier getrunken. (Natürlich habe ich auch weiterhin mein Bier im Stammkiosk gekauft. Der Verkäufer musste mir nur versprechen, dass er nicht mehr auf Werder wetten würde, solange ich im Lande bin.) Einmal bin ich auch auf einem Konzert von Mati gewesen. Dort sang er ein Lied über die Shenkin Street, wobei er dem Publikum erzählte, dass er es für seine jüngst verstorbene Vermieterin von gegenüber (eine 90-jährige polnische Mammele, die mir immer auf deutsch Geschichten erzählt hat) und seinen Mitbewohner aus Deutschland singen würde. Natürlich war ich gerührt. Aber ich fragte mich, ob Mati mir erklären könne, wer denn nun Menechim Shenkin war. Als ich frage sagte er mir aber nur, dass er die Straße auch lieben würde aber das auch er verdammt noch mal keine Ahnung habe, wer dieser Shenkin war.